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Kampf gegen die Vogelgrippe

Hühnereier - Basis für die Produktion von ImpfstoffenNicht nur in den Schlagzeilen, auch bei forschenden Pharma-Unternehmen ist der Kampf gegen die Vogelgrippe gegenwärtig ein Top-Thema. Dort wird nicht nur intensiv daran gearbeitet, den ständig steigenden Bedarf an Grippe-Impfstoffen und Grippe-Medikamenten zu decken. Immer neue Erkenntnisse über Charakteristika und Wirkungsweisen des H5N1-Virus tragen auch dazu bei, dass die Vogelgrippe im Falle des Übergreifens auf den Menschen bald gezielt behandelt werden könnte.

Zwar gibt es bislang keine gesicherten Hinweise darauf, dass sich das H5N1-Virus von Mensch zu Mensch überträgt. Sollte es dazu kommen - sei es durch Mutation, sei es durch Kreuzung mit dem menschlichen Influenza-(Grippe)Virus - droht allerdings eine weltweite Epidemie (auch Pandemie genannt) möglicherweise mit Millionen Todesopfern.

Kürzlich haben US-Forscher ein Eiweiß entdeckt, das dafür verantwortlich sein könnte, dass Vogelgrippeviren so gefährlich sind. Das NS1-Protein, wie die Wissenschaftler es nennen, bindet sich an Rezeptoren der infizierten Zelle und führt dazu, dass etliche Schlüsselfunktionen lahm gelegt werden. "Normalen" menschlichen Grippeerregern fehlt dieses Protein.

Zellkulturen für einen Grippe-Impfstoff werden hinsichtlich Wachstum und Vitalität überprüftSchon im vergangenen Sommer machten erste Meldungen über Erfolge bei der Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs die Runde. Sie zeigen, dass die Herstellung eines Impfstoffs entgegen bisheriger Ansicht grundsätzlich möglich ist. In früheren Versuchen hatte man nämlich die Erfahrung gemacht, dass H5N1 so tödlich ist, dass sogar die befruchteten Hühnereier, in denen der Impfstoff normalerweise produziert wird, sofort absterben. Durch einen gentechnischen Umbau konnte der Erreger jetzt so verändert werden, dass die Produktion in Hühnereiern doch möglich ist.

Dagegen stellt die Beschaffung einer ausreichenden Menge an Eiern - sie dürfen nicht älter als acht bis zehn Tage und müssen befruchtet sein - nach wie vor eine logistische Herausforderung dar. Und die ist schon in Zeiten ohne weltweite Grippegefahr kaum zu meistern, denn aus einem Ei kann bisher nur eine einzige Impfdosis gewonnen werden. Ziel der forschenden Arzneimittelhersteller ist deshalb, die Ausbeute pro Hühnerei deutlich zu erhöhen. Da Hühner bei einer Vogelgrippe-Pandemie besonders gefährdet wären, müssten sie aber besonders geschützt werden, damit der nötige Nachschub an frischen Eiern für die Impfstoffproduktion nicht abreißt. Eine Alternative dürfte die Herstellung in Zellkulturen in so genannten Fermentern bieten, mit deren Hilfe sehr schnell große Mengen von Impfstoffen hergestellt werden können - auch gegen H5N1. Ihr größter Vorteil: Im Gegensatz zu Hühnern können diese Zellsysteme sehr gut gegen Viren und Bakterien abgeschirmt werden. Mehrere Unternehmen arbeiten derzeit an solchen Verfahren, haben teilweise auch schon großtechnische Produktionsanlagen aufgebaut, haben aber für die Impfstoffproduktion noch keine Zulassung.

Influenza-Virus in der schematischen DarstellungIn der weltweiten Entwicklungsarbeit an einem Impfstoff gegen die Vogelgrippe nehmen forschende Pharma-Unternehmen wie Novartis (früher Chiron Vaccines), GlaxoSmithKline, Sanofi-Pasteur, Solvay Pharmaceuticals oder Baxter eine führende Rolle ein - mit unterschiedlichen Strategien: Die einen setzen auf komplette Viren, die die stärkste Immunreaktion beim Menschen auslösen und daher den größten Schutz bieten. Erste Untersuchungen mit diesen Impfstoffen am Menschen laufen seit Ende 2005. Andere verfolgen den Ansatz, den H5N1-Virus in seine Komponenten zu zerlegen. Impfstoffe auf Basis dieser Komponenten gelten als besser verträglich. Wie wirksam sie sind, muss sich in den seit Jahresanfang laufenden Tests noch zeigen. Im "Fall des Falles" - so viel Anlass zur Hoffnung geben die jüngsten Forschungsfortschritte jedenfalls - könnte in drei bis sechs Monaten ein wirksamer Impfstoff auf den Markt gebracht werden.

Weltweit investieren die forschenden Arzneimittelhersteller gegenwärtig Milliardenbeträge in die Entwicklung von Vogelgrippeimpfstoffen – dabei geht es sowohl im neue Verfahren zur Gewinnung von Antigenen - also die spezifische Immunantwort hervorrufenden Substanzen - als auch um neuartige Adjuvantien - Zusatzstoffe also, die die Wirksamkeit der Impfstoffen erhöhen, um so mit weniger Wirkstoff ausreichenden Impfschutz erzeugen zu können.

Auch in Deutschland wird an Vogelgrippe-Impfstoffen gearbeitet. Ein "echter" Impfstoff kann allerdings erst dann entwickelt und produziert werden, wenn es den Erreger, der nachweislich von Mensch zu Mensch übertragen wurde, auch wirklich gibt. Denn das Tückische an Grippevirus-Infektionen ist die Tatsache, dass sich die Erreger ständig weiterentwickeln und mutieren - und ein Impfstoff immer nur genau gegen jenen Erreger schützen kann, gegen den er entwickelt wurde.

Die beim Menschen auftretende Grippe, die saisonale Influenza, wird normalerweise durch die Subtypen H1, H2 und H3 des Infuenza-A-Virus verursacht, die Vogelgrippe hingegen von zwei anderen Subtypen, nämlich H5 und H7, von denen es 16 Varianten gibt. Die Vogelgrippe ist eine Mutation eines bereits seit 100 Jahren bekannten, weltweit verbreiteten Erregers. So gab es in Hongkong 1997 erstmalig 18 Infektionen mit Erregern des Subtyps H5N1 bei Tierhaltern. Sechs der Infizierten starben. Bei einer anderen Unterart - H7N7 - kam es 2003 in den Niederlanden zu einem Ausbruch mit 83 Erkrankungen beim Menschen und einem tödlichen Verlauf. Auch hier fand die Übertragung durch direkten Tier statt. Da sich auch die bislang bekannt gewordenen Fälle von H5N1-Infektionen auf Kontakt mit infiziertem Geflügel zurückführen lassen, besteht der sicherste Schutz darin, infizierte oder gefährdete Tiere zu meiden.

Die gewöhnliche Influenza-Impfung schützt nicht davor, dass jemand an Vogelgrippe erkrankt. Dennoch kann sie indirekt auch im Zusammenhang mit Vogelgrippe von Nutzen sein. So ist eine Influenza-Impfung insbesondere bei Aufenthalt in Regionen mit Vorkommen von Vogelgrippe zu empfehlen, um eine herkömmliche Grippe als Ursache von Fieber und Anlass zu unnötiger Sorge weitgehend auszuschließen - aber auch, um eine Grippeerkrankung zu vermeiden, die bei Aufenthalt z.B. in Asien oder bei Rückkehr nach Europa fälschlich für eine Vogelgrippe gehalten wird und zu seuchenhygienischen Maßnahmen (z.B. Quarantäne) führt.

Die Grippeimpfung trägt aber auch dazu bei, der Entwicklung neuer, auch von Mensch zu Mensch übertragbarer Mutanten der Vogelgrippe einen Riegel vorzuschieben: Denn nach der Impfung ist eine gleichzeitige Infektion mit menschlichen und tierischen Influenza-Viren weitgehend ausgeschlossen und damit die Gefahr der Bildung von Viren mit gemischten Erbgut nicht gegeben.

Herstellung eines Neuraminidasehemmers zur Behandlung von InfluenzaUnd schließlich hat sich gezeigt, dass Medikamente gegen den saisonalen Influenza-Virus auch die Beschwerden einer Ansteckung mit dem Vogelgrippe-Virus lindern können. Denn die darin enthaltenen Neuraminidasehemmer greifen gezielt in den Vermehrungszyklus der Influenzaviren ein und verkürzen die Zeit, bis der Körper wieder erregerfrei ist. Damit sinkt das Ansteckungsrisiko.

Forschende Pharma-Unternehmen haben lange vor der breiten öffentlichen Diskussion über die Gefahren der Vogelgrippe damit begonnen, ihre Produktionskapazitäten für Grippeimpfstoffe und -medikamente deutlich auszubauen und die Erforschung neuer Medikamente gegen H5N1 weiter zu intensivieren. Viele nationale Regierungen und die Weltgesundheitsorganisation unterstützen den Kampf gegen eine mögliche Pandemie durch die Erstellung entsprechender Notfallpläne, das Anlegen von Impfstoffvorräten und die Förderung spezieller Forschungsvorhaben.